Finden in Minden

Auch bei kaltem Nebel ist Minden nicht minder attraktiv. Und so habe ich Minden gewählt, um einige wenig Einblicke in meine Arbeit zu geben.

Noch vor zwei Wochen wurde ich im Pressegespräch gefragt, wie ich arbeiten würde, wo ich recherchierte, und warum ich denn Autor sei, wenn ich nur das beschriebe, was ich sähe.

Meine in meiner lautstarke Erheiterung fast untergehende Antwort lautete, dass diese Annahme zwei gar nicht so triviale Voraussetzungen hätte: Erstens dass „einer“ etwas sieht (natürlich im übertragenen Sinne) und dass er es auch noch „schreiben“ kann.

Was man „so platt“ sieht, scheint in so vielen Fällen bedeutungslos… solange, bis man tiefer sieht. Der folgende Bach zum Beispiel ist in dem jetzigen Verlauf das letzte Überbleibsel eines Weser-Nebenarmes, der im hohen Mittelalter die „Werth“, eine eng an Land liegende Insel („Werder Bremen“) vom Ostufer der Weser trennte. Auf der Insel befand sich das Mauritiuskloster, das Mitte des 15. Jahrhunderts in die Stadt verlegt wurde.

Das Kloster ist verschwunden, und die – leider selbst an einem Sonntag geschlossene – „offene Kirche“ am Westufer, im eher südlichen Stadtteil von Minden, lässt nur noch erahnen, dass hier einmal „etwas war“.

Erst das Wissen um alte Quellen, Ausgrabungen und historische Forschung kann daher das – akademisch oder literarisch – wieder zum Leben erwecken, was man zum Beispiel im 13. Jahrhundert hier gesehen hat. Ein berühmter Historiker hat sich vor einer Reihe von Jahren einmal dadurch gewaltig in die Nesseln gesetzt, als er sagte, es brauche sehr viel Phantasie in der Geschichtswissenschaft.

Ich will hier nicht – unberufen – Partei ergreifen. Aber aus literarischem Blickwinkel kann ich sagen, dass man ganz sicher ohne eine sachlich geeignet konditionierte Phantasie keinen einzigen Absatz eines Romans schreiben kann. … „Die Welt“ ist uns allen konstitutitv Konstitution…

Als Autor historischer Romane muss man also in dem, was man nicht mehr sieht, das – sachgerecht – imaginieren können, was es unter Umständen einmal gegeben haben könnte. Doch ist das ja nur der Rahmen: Denn jetzt erst kommt „das Leben“, jetzte kommen die Figuren, die Charaktere. Und jetzt kommt „das Schicksal“.

Gerade Minden bietet hier ungeheur viel zu entdecken… Und ein wenig wehmütig muss ich sagen: Die Stadt hätte noch sehr viel Platz für „wiederentdeckte Schicksale“ und die atemberaubenden Leben, deren Vergangenheit uns bisweilen viel näher ist als wir gemeinhin denken.

Und schliesslich: Wie schon an so vielen Orten, die ich in den letzten Jahren gesehen, gefühlt, erspürt und bereist habe, wünschte ich mir noch mehr lokale Eigenheiten zu erfahren, mehr „spiritus loci“, mehr Geist eines Ortes, mehr Gestalten der Vergangenheit. Ich konnte das leider an diesem Sonntag in Minden nicht finden. Und das nicht nur, weil die touristische information sonntags geschlossen hat. „Finden in Minden“, das ist ein freundlich gemeintes Wortspiel, das gleichzeitig die Frage stellt, ob das so einfach ist. Konkret wie abstrakt.

Und gesetzt, man sieht dann wirklich etwas nicht nur mit den Augen, sondern „innen“, mit dem Herzen und der Phantasie, und man („Autor/in“) erlebt dabei etwas, vielleicht auch etwas Mitreissendes, dann – und erst dann – muss man „es“ auch noch schreiben können.

Und wenn dieses Schreiben, wie so viele sagen, ein Handwerk ist, dann ist es ein Kunsthandwerk. L’artigianto, wie die Italiener sagen. Im Original würde aber auch das nicht für eine auch nur erste Näherung an „das Schreiben“ ausreichen. Zitat:

„L‘artigianato è un‘attività lavorativa in cui gli oggetti utili e decorativi sono fatti completamente a mano o per mezzo soltanto di semplici attrezzi…“

Auf Deutsch: Das (Kunst-)Handwerk ist eine Arbeitsweise, in der nützliche und dekorative Objekte komplett von Hand oder mit einfachen Vorrichtungen hergestellt werden…“

Ich lasse es hierbei, sehr unvollständig, bewenden. Einfach weil es zu „Minden“ in gewisser Weise nur „minder-wertiges“ beiträgt. Minden ist nicht nur sehr sehenswert. Mir scheint, Minden ist ein Erlebnis wert. Ob auf dem alten Inselchen „Werth“ oder oben, am Westabhang des Weserufers, in der Süd- oder Nordstadt.

 

 

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