Viel Neues

Es ist viel Neues passiert in dem Leben von Carolus Paulus in den letzten Wochen: Ganz langsam wird ihm sein eigenes Verlangen klar, mehr über die Welt, mehr über sich, und mehr über Gott zu erfahren. Hier wird, das sei schon verraten, die Geschichte ihr primäres Momentum erhalten, hier kommt Bewegung rein. Sehr bald.

So hat Carolus zum Beispiel von Ambrosius, dem Priester aus dem Oberwallis Post bekommen, er möge doch der kleinen Anna schreiben. Daraufhin „erfindet“ Carolus den Anfang eines kleinen Schulheftes, einer Art Schreib-Fibel.

Und zuletzt bewegt ihn der Beginn der Fastenzeit, und dabei vor allem das Motto des ersten Sonntages in dieser 46-Tage-Periode vor Ostern: INVOCABIT. DAs ist aber auch bewegend, und das aus sehr tiefen Gründen. Die man eben „er-gründen“ muss, um ihnen näher zu kommen. Es ist nicht alles „instant“ im Leben. Genau genommen nichts, jedenfalls nichts, was bleibt.

big_2729_web

 

Ich selbst habe kürzlich einige Tage im heutigen Kloster St. Maurice verbracht, vor allem um „dem allem“ recht nahe zu sein. Und auch um selbst „etwas Neues“ zu erleben.

Und gerade dieser Beginn der Fastenzeit, die Haltung der Mönche, die Aussagen und Inhalte ihrer Predigten, Lesungen und Gebete, das hat mich tief hineingezogen, auch in die mittelalterliche Welt. Soweit das überhaupt geht. Es ist ja nahezu nichts unmittelbar. Und alles Hinein-Versetzen ist ein Versuch.

Es ist aber schon eine andere Welt, in die man hineintritt, wenn man mehr als fünf Stunden des Tages – und allemal die „Eckstunden“, der Beginn und der Abschluss des Tages – nicht nur dem Gebet, sondern vor allem auch dem meist ruhigen Gesang des Klosters St. Maurice ausgesetzt ist oder sich sogar einbringt. Und wenn alles so zutrifft, wie wir es aus der Geschichte fest annehmen müssen, dass dort seit dem Gründungsjahr 515 über mehrere Hundert Jahre rund um die Uhr, 24/7, wie man heute sagt, GESUNGEN wurde, ein immerwährendes Lob (laus perennis) angestimmt wurde, dann kann man sich das gar nicht intensiv genug vorstellen.

Noch intensiver – nicht lauter! – ist die Gemeinschaft der Brüder untereinander. Doch diese grosse Nähe ist respektvoll.  Sie ist kein distanzloses Eindringen in die Intimität des Andern. Aber sie ist das Gegenteil von unverbindlich. Und mir fiel – aus der Zeit des anscheinenden absoluten Selbstbestimmt-Seins kommend – dieser „Übertritt“ in die gegenseitige Abhängigkeit, wenn auch nur für Tage, nicht leicht.

Zurück zu unserem Thema: Eine der ältesten Äusserungen, dies dazu gibt, stammt wohl von Salomon. Vor rund 3000 Jahren meinte er seine „Sprüche“ einleitend:

„Was geschehen ist, eben das wird hernach sein. Was man getan hat, eben das tut man hernach wieder, und es geschieht nichts Neues unter der Sonne.

Geschieht etwas, von dem man sagen könnte: »Sieh, das ist neu«? Es ist längst vorher auch geschehen in den Zeiten, die vor uns gewesen sind.“

Was es denn Neues gäbe, wurde auch Paulus, den wir heute unter die Apostel rechnen, auf der Agora, der „piazza del popolo“ des antiken Athen ungefähr in der Mitte des ersten Jahrhunderts gefragt, als er dort ankam. Fast besessen von Neuem schienen die damaligen Griechen gewesen zu sein, „neu-gierig“ eben.

Aeropag in Athen

In grob geschnittenen Worten zusammengefasst, bestand Paulus´ Antwort darin, dass er ihnen später vor dem Aeropag, dem Blut- und Religionsgericht der Athener, sagte, das einzig Neue sei die Auferstehung „dieses  Jesus“. Er entging einer Verurteilung dann folgerichtig, unter anderem, weil die Richter ihn für „übergeschnappt“ hielten. Schliesslich sei das ja „undenkbar“…

Ja, es ist undenkbar. Ostern, und mit ihm die Fastenzeit als seine direkte Vorbereitung, ist ein eigentlich undenkbares Fest. Niemand hätte es ja „mit Aussicht auf gesellschaftliche Akzeptanz“ erfinden können. Es ist so „neben der Spur“, für uns Heutige zumindest. Es wirft aber auch wirklich alles um, woran wir besonders heute so fest glauben – bevor wir an dieses Fest glauben, und an seinen Inhalt, und die „handelnden Personen“. Und dass es wirklich einen gibt – nicht gab, sondern gibt –  der all das wahr gemacht hat.

Wenn man das glaubt, wird eigentlich alles anders. Und es gibt nur noch Neues.

 

Social Media Auto Publish Powered By : XYZScripts.com
%d bloggers like this: